DAS INTERNATIONALE CONGRESS CENTRUM (ICC)

Architekten: Ursulina und Ralf Schüler-Witte, 1979

 

Das ICC im Berliner Westend zählt zu den bedeutend-sten Bauwerken der deutschen Nachkriegszeit. Die Architektenkammer Berlin spricht von einer ‚einzigartigen technischen und künstlerischen Innovation‘ dieser Zeit. 

In der Tat: Das ICC war - außen und innen - stilprägend für die ‚West-Berliner Moderne‘ in den 1960/70er Jahren. Architektonisch-konzeptionell ein Wagnis, stilistisch machte es seine 'High-Tech-Architektur' zu einer Ikone des Fortschrittsglaubens seiner Zeit. Ein spektakuläres Licht-Leitsystem aus 50.000 Elementen orientiert die Besucher. Designelemente täuschen technische Funktionen vor.

Am 9. März 2014 wurde das ICC 'aus wirtschaftlichen Gründen' endgültig geschlossen. Seitdem ist es ein ‚Lost Place‘, unter Denkmalschutz, zu allem Unglück auch noch asbestbelastet. Ein Fortführungskonzept existiert nicht und so hat die Stadt horrende Leerstandkosten zu tragen. 

 

Im Oktober 2021 wurde der schlafende Riese für zehn Tage für das Kunstprojekt der Berliner Festspiele ‚The Sun Machine Is Coming Down‘ geöffnet. Für mich DIE Gelegenheit, die ikonografische Innenarchitektur auf den Sensor meiner Leica zu bannen.

 

Den Wettbewerb zum Bau einer Multifunktionshalle auf dem Messegelände gewann 1965 das junge Architektenehepaar Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Die Vorgaben änderten sich mehrfach, und als die Bauarbeiten 10 Jahre später, 1975 begannen, war aus der einfachen Halle das größte und teuerste deutsche Bauvorhaben seit dem Zweiten Weltkrieg geworden. 1979, nach vierjähriger Bauzeit eröffnet, war es eines der größten Kongresshäuser der Welt.

Allerdings machte das mit Abstand wichtigste Tagungszentrum Deutschlands, mit 80 Sälen für insgesamt 15.500 Personen eines der größten und am besten ausgelasteten Kongresshäuser weltweit, mit Auszeichnungen überhäuft, doch jedes Jahr Verlust. Das ICC blieb wegen immens hoher Betriebskosten und einer unökonomischen Raumaufteilung ein ewiges Zuschussobjekt. Deshalb wurde das ICC am 9. März 2014 endgültig geschlossen.

Ursulina Witte und Ralf Schüler-Witte

Ursulina Witte (*1933) und Ralf Schüler (1930-2011), gelernter Elektromechaniker und leidenschaftliche Techniker, lernen sich 1953 beim Architekturstudium an der Technischen Universität Berlin kennen. Ursulina Witte schließt ihr Studium 1960 mit Diplom ab. Von 1961 bis 1967 sind beide im Architekturbüro ihres Professors Bernhard Hermkes angestellt. Diese Mitarbeit veranlasst Ralf Schüler, 1966 sein Studium abzubrechen, da er sich durch die Arbeit im Büro für vollständig ausgebildet hielt.

Im Jahr 1964 nehmen Schüler und Witte am Wettbewerb für die Gestaltung des U-Bahnhofs Blissestraße teil. Da ihr Arbeitgeber Jury-Mitglied ist, wird der Wettbewerbsbeitrag der beiden ausgeschlossen, aber dennoch zur Bewertung hinzugezogen. Mit ihrem Beitrag können sie auf sich aufmerksam machen und erhalten 1967 den Auftrag zur Gestaltung des U-Bahnhofs Schloßstraße in Steglitz. Im selben Jahr heiraten Ralf Schüler und Ursulina Witte und eröffnen ihr Architekturbüro in Berlin.

Am Standort des zukünftigen U-Bahnhofs Schloßstraße sollte die Bundesautobahn 104 mit dem Steglitzer Kreuz verknüpft werden. Die beiden Architekten entwarfen (ohne dazu beauftragt gewesen zu sein!) den Kopfbau des U-Bahnhofs und die Hochstraße – und bekamen den Auftrag..  

 

Um den Verkehrsknotens optisch aufzuwerten (‚autogerechte Stadt‘) entwarfen sie, ebenfalls ungefragt, einen Turm mit drei Geschossen: den 1976 eröffneten ‚Bierpinsel‘ (der privat finanziert wurde).

Obwohl sie noch nie ein größeres Bauprojekt geplant hatten, gewannen Schüler-Witte zur gleichen Zeit den Wettbewerb für den Bau des Internationalen Congress Centrums (ICC) Berlin, das zum Hauptwerk beider Architekten wurde.

Trotz des Umfangs des ICC und der Anerkennung für eines der modernsten Kongresshäuser der Welt, erreichten Schüler/Schüler-Witte nie ein internationales Standing. Im Gegenteil: In Darstellungen zur zeitgenössischen High-Tech-Architektur fehlt das ICC nahezu durchgängig, auch bei Wikipedia wird der Bau nicht erwähnt.

 

Die beiden Architekten sind nahezu in Vergessenheit geraten: Dazu trägt wohl auch der Umstand bei, dass ihre größten Projekte in Berlin (ICC, U-Bahnhof Steglitz, Bierpinsel) heute leer stehen bzw. der Verwahrlosung überlassen sind. Der Bahnhof Steglitz ist ein Sanierungsfall. 

Spätere Projekte der beiden Architekten waren vorrangig Sanierungsprojekte und Beratungstätigkeiten für den Autobahnbrückenbau.

'High-Tech-Architektur'

‚High-Tech-Architektur‘, auch bekannt als ‚struktureller Expressionismus‘, ist eine Art spätmoderner Baustil, der in den 1970er Jahren entstanden ist und Elemente der High-Tech-Industrie und -Technologie in das Gebäudedesign integriert hat.

Bahnbrechende wissenschaftliche und technologische Fortschritte, z.B. die erste Mondlandung 1969, hatten in den 1970er Jahren einen großen Einfluss auf die Industrienationen. Viele Menschen waren der Überzeugung, dass durch technologischen Fortschritt noch viel mehr erreicht werden könne. Technische Geräte wurden durch die Verwendung von Bildschirmen, Kopfhörern etc. alltäglich. Die ersten Computer wurden kommerziell einsetzbar.

Somit war es nur konsequent, dass auch Architekten damit begannen, High-Tech in ihre Entwürfe zu integrieren. Mit diesem Ansatz erneuerte die ‚High-Tech-Architektur‘ den Glauben an den Fortschritt und an die Fähigkeit der Technologie, die Welt zu verbessern. Angesichts der Klimaerwärmung der Welt und der Herausforderung, ihr zu begegnen, ein aktuellerer Gedanke denn je.

Die ‚High-Tech-Architektur‘ hat ihren Namen aus dem Buch ‚High Tech: The Industrial Style and Source Book for The Home‘ der Design-Journalistinnen Joan Kron und Suzanne Slesin von 1978. Das Vorwort zum Buch schrieb der Architekt Emilio Ambasz, ehemals Kurator der Designabteilung des Museum of Modern Art.

Architektonischer Ausdruck dieser Denkweise sind z.B. sichtbar gelassene Tragwerke und Versorgungssysteme. Bevorzugt werden industrielle Fertigungsmethoden unter Verwendung von Metall, Glas, Kunststoff als sogenannte ‚saubere‘ Baumaterialien. Erstmals werden austauschbare Module beim Bauen eingesetzt (‚Plug-In-Elemente), um den Wartungsaufwand für Verschleißteile zu reduzieren.

Die Technologie, die in einem Gebäude steckt, wird bei der High-Tech-Architektur ganz bewusst sichtbar gemacht. Technische Elemente und konstruktive Details werden besonders betont, zum Beispiel durch die optische Hervorhebung und Überdimensionierung von technischen und funktionalen Bestandteilen eines Gebäudes. 

High-Tech-Architektur erscheint insofern als ‚erneuerte Moderne‘. Allerdings mit einem großen Unterschied: Im Gegensatz zur ‚funktionalen Moderne‘ (z.B. des Bauhaus-Direktors Hannes Meyer) spielt die ‚High-Tech-Architektur‘ mit ausgewählten Bauelementen dort, wo sie es für geboten hält, gezielt eine Funktionalität vor, die für die Struktur des Gebäudes tatsächlich nur eine geringe oder sogar gar keine Bedeutung innehat – mit anderen Worten: Es kommt bei der ‚High-Tech-Architektur‘ (auch) zu einer Ästhetisierung technisch-funktionsloser Konstruktionen und damit zur Abkehr vom strengen Design-Prinzip der ‚Moderne‘, die da heißt: ‚form follows function‘ (Louis Sullivan).

Die High-Tech-Architektur war in gewisser Weise eine Antwort auf die zunehmende Desillusionierung mit den Ergebnissen moderner Architektur. Die Realisierung der Stadtentwicklungspläne von z.B. Le Corbusier, Ernst May u.a. hatte zu Städten mit monotonen und standardisierten Gebäuden geführt. High-Tech-Architektur sollte dem etwas entgegenstellen. Sie griff u.a. auf die ‚Chicagoer Schule‘ zurück, die mit dem Namen Mies van der Rohe verbunden ist. Die Vorbilder waren z. B. die Hochhäuser 860–880 Lake Shore Drive Apartments und auch die früheren Ingenieurbauten z. B. von Wladimir Grigorjewitsch Schuchow

Es entstanden monumentale ‚Gebäudemaschinen‘: Frühe Beispiele der High-Tech-Architektur sind z. B. das John Hancock Center (Chicago) von Fazlur Khan, das World Trade Center (New York City) von Minoru Yamasaki oder dasCentre Georges Pompidou (Paris) von Renzo Piano und Richard Rogers. Später entstanden u. a. das debis-Haus am Potsdamer Platz in Berlin, das 30 St. Mary Axe (London) von Norman Foster, Torre Agbar (Barcelona) von Jean Nouvel, der Hearst Tower (New York City) von Norman Foster (2004) oder Senedd (Cardiff Bay) von Richard Rogers.