Hans Werner Müller
BERLIN-FOTO
Architektur einer Weltstadt

Die Berliner Architektur ist weder spektakulär, noch ist Berlin eine 'schöne Stadt'. Ein Anziehungspunkt für Millionen Menschen aus aller Welt ist Berlin dennoch.

Warum das so ist? Weil Berlin 'anders' ist, gewissermaßen outstanding. Menschen spüren das, wenn sie in die Stadt kommen. Berlin begeistert und stößt ab. Berlin ist der gelebte und gebaute Widerspruch. Keine andere Metropole hat ihr Gesicht so häufig verändert.

Händler, Kurfürsten, Könige, Kaiser, demokratische Regierungen, große Industrieunternehmen, NS- und kommunistische Diktatoren gaben sich hier die Klinke in die Hand und ließen nach ihren Maßgaben bauen. Heute errichten hier Internet-Konzerne und Agenturen ihre Paläste. Berlin ist die Hauptstadt des größten Landes der EU. All das sieht oder spürt man in Berlin auf Schritt und Tritt, was den Reiz der Stadt ausmacht.

Von Berlin gingen zwei Weltkriege aus. Hier haben die beiden großen Diktaturen des 20. Jahrhunderts nacheinander ihr Unwesen getrieben. Hier wurde der Holocaust geplant. Hier wäre es beinahe zum Ausbruch des dritten Weltkriegs gekommen. Berlin war 40 Jahre lang die Frontstadt im ‚Kalten Krieg‘, eine einzigartige ‚Doppelstadt‘ bildete sich, bevor sich wiederum hier der 'Eiserne Vorhang' mit dem Fall der Mauer öffnete und die beiden Stadthälften mühsam wieder zusammengeführt werden.

Der Begriff 'Babylon Berlin' verweist seit den 1920er Jahren auf eine rasant wachsende Metropole, die hochhinaus wollte und tief fiel. Sie zog Menschen aus aller Welt an, stand für das ‚Sündenbabel‘, das sich von den Zwängen des Kaiserreichs verabschiedet hatte. Bis Berlin kurz darauf in die Diktatur abstürzte.

 

Diese epochalen Umbrüche machen Berlin faszinierend und abstoßend zugleich. Berlin steht für das Schlimmste, aber auch für die große Freiheit.

 

Berlin: Mythos der Freiheit, Ambivalenz der Moderne, Fortschrittsglaube und Zukunftsangst, 'Stadt der Freiheit' und 'Hauptstadt des Scheiterns'. Projektionsfläche für positive und negative Assoziationen. Auch heute.

Das Ergebnis ist eine 'anarchische' Architektur, die in ihrem Eklektizismus einzigartig ist, die sich ständig neu erfindet, die zeigt, was war und ist. Zahlreiche Bauwerke verschwanden zwar im Bombenkrieg und im Abrisswahn der Nachkriegsjahre, aber vieles blieb doch erhalten und neues kommt hinzu.

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